Am 24. Juli 2026 hat der italienische Ministerrat etwas getan, was es in Italien für diesen Sektor noch nie gegeben hatte: Er hat zwei Rechenzentrumsprogramme zu Vorhaben „von herausragendem nationalem strategischem Interesse“ erklärt. Das ist keine Höflichkeitsformel — es ist ein Verwaltungsakt nach Artikel 13 des sogenannten Decreto Asset (des italienischen „Asset-Dekrets“), der die Spielregeln für zwei Projekte von jeweils rund 4 Milliarden Euro ändert: sieben neue Rechenzentren im Raum Mailand und ein Hyperscale-Campus in der Provinz Vercelli.
Es lohnt sich, genau zu verstehen, was geschehen ist, denn es berührt ein Thema, mit dem wir uns bereits beschäftigt haben: die europäische digitale Souveränität — und den keineswegs theoretischen Unterschied zwischen dem Ankündigen einer Infrastruktur und ihrer Inbetriebnahme.
Was „nationales strategisches Interesse“ bedeutet
In der Praxis aktiviert die Erklärung eine eigene Verwaltungsspur: Für jedes Programm wird im Einvernehmen mit den betroffenen Regionen ein Sonderkommissar der Regierung ernannt, mit der Aufgabe, die beteiligten Behörden zu koordinieren, die Erteilung der einheitlichen Genehmigung zu beschleunigen und die Umsetzung der Maßnahmen zu begleiten.
Warum braucht es einen Kommissar, um ein Gebäude voller Server zu bauen? Weil der eigentliche Engpass der Rechenzentren in Italien weder das Kapital noch die Technologie ist: Es sind die Genehmigungszeiten und die Anschlüsse an das Hoch- und Höchstspannungsnetz. Ein Projekt mit Hunderten von Megawatt durchläuft Behördenkonferenzen, Umweltprüfungen und Abstimmungen mit dem Netzbetreiber, die Jahre dauern können — und in einem Markt, in dem die Nachfrage nach Rechenkapazität mit der Geschwindigkeit der generativen KI wächst, können Jahre des Wartens ein Projekt obsolet machen, noch bevor die erste Baugrube ausgehoben ist.
Der Kontext: ein kleines Land, das beschleunigt
Die Zahlen des Osservatorio Data Center des Politecnico di Milano zeigen die Ausgangslage. Italien verfügt heute über rund 600 MW operative Leistung — ein bescheidener Bruchteil der europäischen Kapazität. Allein der Großraum Mailand konzentriert 68% der nationalen Leistung (414 MW) und wird nach Schätzungen des Osservatorio bis 2028 die Gigawatt-Marke überschreiten.
Die Dynamik ist jedoch stark: Nach rund 7 Milliarden Euro Investitionen im Dreijahreszeitraum 2023-2025 übersteigen die Ankündigungen für den Zeitraum 2026-2028 die Marke von 25 Milliarden, verteilt auf 83 Standorte von rund dreißig Betreibern — darunter 19 Neueinsteiger auf dem italienischen Markt. Ebenfalls laut Osservatorio könnte Mailand allein fast ein Viertel der Investitionen anziehen, die in den 13 wichtigsten europäischen Hubs erwartet werden.
Das erste Programm: „Equinix per l'Italia“
Das Mailänder Programm sieht sieben neue Rechenzentren in den Gemeinden Settimo Milanese und Cusago vor, errichtet zwischen 2026 und 2033 mit einer Investition von 4 Milliarden: Einrichtungen für Colocation, Konnektivität und rechenintensive Hyperscale-Lasten — das typische Profil von KI-Workloads.
- Energie: Bedarf zu 100% aus erneuerbaren Quellen gedeckt.
- Wärmerückgewinnung: Dank einer Partnerschaft mit A2A wird die Abwärme der Server von Settimo Milanese in das Mailänder Fernwärmenetz eingespeist — bis zu 225 GWh Wärme pro Jahr, genug, um über 21.000 Wohnungen zu heizen. Es ist dasselbe Prinzip der Kreislaufwirtschaft, das ein Rechenzentrum zu einem energetischen Aktivposten der Region macht — und nicht nur zu einem Verbraucher.
- Beschäftigung: rund 1.500 Beschäftigte in der Bauphase, über 500 direkte und indirekte Arbeitsplätze im Regelbetrieb.
Das zweite Programm: der „Cavour Hyperscale Campus“ in Trino
Das piemontesische Projekt ist ein Lehrbuchfall industrieller Umnutzung: Auf dem Gelände des seit 2013 stillgelegten ehemaligen Wärmekraftwerks „Galileo Ferraris“ in Trino (Vercelli) entsteht ein Campus mit 300-400 MW. Die Standortwahl ist kein Zufall — es ist ein Brownfield mit zwei seltenen Vorzügen:
- ein Umspannwerk mit 380 kV, bereits an das nationale Übertragungsnetz angeschlossen, ein Erbe des Kraftwerks;
- die unmittelbare Nähe zu einem der größten Photovoltaikparks Norditaliens, der Anlage von Enel Green Power mit 87,5 MW und rund 160.000 bifazialen Modulen, ergänzt durch ein Batteriespeichersystem.
Der erklärte Zeitplan ist eng: Behördenkonferenz bis Ende 2026, einheitliche Genehmigung bis Ende 2027, erster Bauabschnitt bis Ende 2028 in Betrieb. Bei der Beschäftigung ist von durchschnittlich rund 1.200 Arbeitskräften in der Bauphase die Rede (mit Spitzen über 2.000), von 300-350 qualifizierten Arbeitsplätzen im Regelbetrieb und von rund tausend im Zulieferumfeld.
Drei ehrliche Vorbehalte
Der Ehrgeiz ist begründet, doch wer an Infrastrukturen arbeitet, weiß: Zwischen der Pressemitteilung und dem ersten Rack in Betrieb liegen Welten. Drei Dinge, die man im Blick behalten sollte:
- Die Lücke zwischen Ankündigungen und Baustellen. Im Dreijahreszeitraum 2023-2025 wurden von 10,5 Milliarden angekündigter Investitionen 7,1 realisiert: 68%. Die Verzögerungen — so das Osservatorio — konzentrierten sich vor allem auf die neuen internationalen Betreiber, die die Komplexität des italienischen Genehmigungswesens unterschätzt haben. Genau dieses Problem sollen die Kommissare lösen: Der Beweis steht in der Praxis noch aus.
- Die geografische Konzentration. Mailand absorbiert bereits zwei Drittel der nationalen Leistung, und beide strategischen Programme liegen im Nordwesten. Eine resiliente nationale Infrastruktur braucht auch verteilte Kapazität — nah an den Produktionsclustern und den Verwaltungen, die sie nutzen.
- Das Stromnetz. Jeder neue Campus mit Hunderten von Megawatt ist eine Last, die das Übertragungsnetz bedienen können muss — zusammen mit den anderen 80 angekündigten Projekten. Ohne einen koordinierten Netzausbau bleiben die Server aus — und das ist kein theoretisches Risiko: Es ist schon heute die Hauptursache der Verzögerungen.
Souveränität ist Kontrolle, nicht nur Geografie
Im Artikel über die digitale Souveränität schrieben wir, dass ein Rechenzentrum in Europa allein nicht genügt: Entscheidend ist, wer es kontrolliert, nach welchen Standards und mit welchem Ausstiegsweg. Diese beiden Programme gehen in die richtige Richtung — physische Kapazität im Land, erneuerbare Energie, Umnutzung von Industriestandorten — und ausnahmsweise agiert Italien vorausschauend, statt hinterherzulaufen.
Doch für die meisten italienischen Organisationen wird sich Souveränität nicht dadurch ausüben lassen, dass man eine Etage in einem Hyperscale-Campus anmietet: Sie übt sich in dem Wissen, wo die eigenen Daten liegen, wer sie verwaltet und mit welchen Garantien. Genau das ist das Handwerk der Private Cloud in einem dedizierten Perimeter und der Planung maßgeschneiderter Infrastrukturen — wo sich die Megawatt an den Fingern abzählen lassen, die Kontrolle aber vollständig ist. Unser emissionsfreies Rechenzentrum beweist seit Jahren, dass Effizienz und Nachhaltigkeit kein Privileg der Hyperscaler sind. Wenn das Thema Sie betrifft, sprechen Sie mit uns.
Quellen und Verweise: Ministero delle Imprese e del Made in Italy, Mitteilung „Data Center: ok Cdm a strategicità per due investimenti in Lombardia e Piemonte per 8 mld“ (24. Juli 2026); Osservatorio Data Center, Politecnico di Milano — School of Management (Mitteilung „Data Center: già investiti 7 miliardi nel triennio 2023-2025, ulteriori 25 previsti nel prossimo triennio“, Januar 2026); MilanoFinanza, „Data center, in Italia investimenti annunciati per 10,5 miliardi nel 2023-2025. Ma realizzati solo per 7,1 miliardi“ (Januar 2026). Die Angaben zu den einzelnen Programmen stammen aus der Regierungsmitteilung und der Fachpresse zum Zeitpunkt der Veröffentlichung.